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Paula Modersohn-Becker –
Ich muss malen

Demütigungen, Ablehnung sowie verletzende private und öffentliche Kritik prägten das kurze Leben von Paula Modersohn-Becker, das nach nur 31 Jahren ein tragisches Ende fand. Und doch entstand in nur 14 Jahren ein Werk von über 700 Gemälden und mehr als 1.000 Zeichnungen, das sie heute zu einer der bedeutendsten Vertreterinnen des Expressionismus macht. Woher nahm diese mutige, sensible Frau die Kraft, sich gegen bürgerliche Erwartungen und existentielle Zweifel immer wieder neu, dem eigenen künstlerischen Anspruch auszusetzen?
Eberhard Fleck
2 Feb. 2026
Paula Moderson-Becker (1876–1907) – eine bekannte deutsche Künstlerin, erkannt als Vorbote des Expressionismus in der Malerei.

Paula Modersohn-Becker (1876–1907) – eine bekannte deutsche Künstlerin. Erst lange nach ihrem jungen und tragischen Tod wurde sie als Vorbotin des Expressionismus in der Malerei anerkannt. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paula_Modersohn-Becker1.jpg

Geworfen in eine Welt der Zwänge und Enge

Paula wurde 1876 als drittes von sieben Kindern in eine wohlhabende, kultivierte Familie hineingeboren.

Ihre Eltern ermöglichten ihr Zugang zu Bildung und erste künstlerische Anregungen. Jedoch zwangen ihr die strengen Regeln im Deutschen Kaiserreich enge Grenzen auf.

Viele Männer aus Wissenschaft und Politik, geprägt vom Ideal preußischer Disziplin, zweifelten an den intellektuellen Fähigkeiten von Frauen und versperrten ihnen systematisch den Zugang zu Universitäten und Kunstakademien.

Frauen hatten ihre Bestimmung als Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu erfüllen. Jene, die sich dem widersetzten und den Mut hatten, eigene Wege zu gehen, wurden sozial geächtet, verspottet und als „unweiblich“ diffamiert.

Der lange Nachhall des Kindheitstraumas

„Wir konnten uns retten. Dieses Kind war das erste Ereignis in meinem Leben. Mit ihr kam der erste Schimmer von Bewusstsein in mein Leben.“

(Zitat stammt aus einem Brief, den Paula Modersohn-Becker am 30. Mai 1906 an den Dichter Rainer Maria Rilke schrieb.)

Dieses Zitat aus einem Brief an den Dichter Rainer Maria Rilke, beschreibt eine existenzielle Erfahrung bei der Paula als 10 jährige mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wurde.

Bei einem Spiel mit ihren Cousinen stürzte eine Sandgrube ein und begrub die drei Kinder unter sich. Paula und ihre Cousine Maidli wurden bis zum Mund mit Sand verschüttet, konnten aber gerettet werden. Ihre Cousine Cora dagegen wurde unter den Massen begraben und konnte nur noch tot geborgen werden.

Eine Freundin schreibt später, dass dieses Trauma die Ursache für ihre „rücksichtslose Entschiedenheit“ gegenüber ihren künstlerischen Zielen war und ihre Einstellung zu ihrem eigenen Tod tiefgreifend prägte.

„Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist?“ – Tagebuch, 26. Juli 1900

Malerei als innerer Dialog

„Wenn ich erst malen kann!“

Briefe und Tagebuchblätter von Paula Modersohn-Becker. Projekt Gutenberg-DE, Kapitel 10.

1892 besuchte die 16 jährige Paula ihre Tante Marie Hill in England und nahm Zeichenunterricht an der St. John’s Wood Art School in London. In den großen Museen studierte Sie die Gemälde der alten Meister und tauchte ein in eine neue Welt der Farben und Formen.

Sie besuchte Zeichenkurse für Frauen und schließlich die Künstlerkolonie Worpswede – eine abgelegene Moorlandschaft, die zum Zufluchtsort für Maler wurde. Hier, in der rauen Natur und unter Gleichgesinnten, fand sie den Raum, ihr Talent zu entfalten.

Kunst wurde nicht nur zum Berufswunsch, sondern zur notwendigen Sprache, um ihre innere Welt zu erforschen und der Außenwelt mitzuteilen.

Zu früh für ihre Zeit

Als sich Paula 1899 erstmals mit Bildern an einer Ausstellung in der Bremer Kunsthalle beteiligte, fiel das Urteil der Kritik verletzend aus: Ihre Bilder wurden als „hässlich“, ihre Figuren als „plump“ und „unfertig“ beschrieben und ihre Bilder wurden abgehängt.

„Hätte eine solche Leistungsfähigkeit auf musikalischem oder mimischem Gebiet die Frechheit gehabt, sich in den Konzertsaal oder auf die Bühne zu wagen, es würde alsbald ein Sturm von Zischen und Pfeifen dem groben Unfug ein Ende gemacht haben…“

Kritik von Arthur Fitger an Paula Becker und Marie Bock in der Kunsthalle Bremen, Weser-Zeitung, 20. Dezember 1899

Paula’s mutiger Stil, der auf äußere Gefälligkeit verzichtete und die Wesenhaftigkeit der Dinge suchte, stieß auf Unverständnis und Spott.

Ein Kritiker schrieb 1906 nach einer Ausstellung in Bremen:
„Die Bilder wirken unfertig und unerquicklich, als habe die Malerin das Sehen erst noch zu lernen.“
(Bremisches Nachrichtenblatt, 1906)

Ein anderer urteilte:
„Man sucht vergeblich nach Anmut oder technischer Vollendung.“
(Kunstchronik, 1905)

Diese Urteile trafen Paula tief.

Zeit ihres Lebens konnte sie kaum Werke verkaufen. Finanzielle Sorgen begleiteten sie dauerhaft. Anerkennung blieb die Ausnahme, Zweifel der Normalzustand.

Auch in Worpswede, wo man sich der naturalistischen Heimatkunst verbunden fühlte, blieb sie mit ihrer radikalen Malerei eine Außenseiterin.

Selbst ihr späterer Ehemann, der Landschaftsmaler Otto Modersohn, kritisierte Paulas Bilder ohne Zurückhaltung:

„Paula haßt das Conventionelle und fällt nun in den Fehler, alles lieber eckig, häßlich, bizarr, hölzern zu machen. Die Farbe ist famos, aber die Form? Der Ausdruck! Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins.“

Otto Modersohn, Tagebucheintrag vom Samstag, 26. September 1903

Diese bittere Kritik unterstreicht, mit welcher inneren Stärke sie trotzdem an ihrer visionären Arbeit festhielt.

Liebe und Seelenverwandtschaft

Paulas Liebe galt dagegen der Natur Worpswedes und den einfachen Menschen, die sie porträtierte – Bauernkinder, alte Frauen. In ihnen sah sie eine unverfälschte, urtümliche Würde. Zutiefst verbunden fühlte sie sich mit der Bildhauerin Clara Westhoff, die ihr eine Seelenverwandte wurde.

„Es waren Bilder von Cézanne, die wir beide zum ersten Mal sahen. Wir kannten nicht einmal seinen Namen. Paula hatte ihn auf ihre Art entdeckt, und diese Entdeckung war für sie eine unerwartete Bestätigung ihres eigenen künstlerischen Suchens.“

Clara Rilke-Westhoff, in: Paula Modersohn-Becker. Ein Buch der Freundschaft.

Die bedeutendste, aber auch konfliktreichste Liebe ihres Lebens galt dem Maler Otto Modersohn. Sie bewunderte seinen künstlerischen Ernst und heiratete ihn.

Eine tiefe, platonische Liebe und geistige Verbindung verband sie zudem mit dem Dichter Rainer Maria Rilke, einem Freund des Paares. In ihm fand sie einen sensiblen Gesprächspartner, der ihre Kunst ernst nahm.

Zeigen was ist

Paulas Bilder sprechen eine Sprache der ruhigen, monumentalen Einfachheit.

Sie malte Menschen, oft Frauen und Kinder, nicht als schöne Individuen, sondern als zeitlose Wesen. Ihre Porträtierten blicken den Betrachter meist ernst und direkt an, mit einer fast meditativen Ruhe. Ihre Figuren stehen ruhig, oft frontal, ohne erzählerische Ablenkung.

Kinder blicken ernst, Frauenkörper erscheinen schwer und geerdet. Schönheit entsteht nicht durch Ideal, sondern durch Präsenz. Sie stellte mütterliche Nähe dar. Ohne Sentimentalität zeigt Paula eine kraftvolle, fast erdverbundene Verbindung.

Paula’s Bilder erzählen vom Dasein: von Geburt, Nähe, Einsamkeit, vom Körper als Ort des Lebens. Besonders ihre Selbstbildnisse sind von großer Klarheit. Sie zeigen keine Pose, sondern ein In-sich-Sein – ein seltenes Zeugnis weiblicher Reife und Selbstwahrnehmung um 1900.

„Deine letzten Bilder haben mich so sehr gefreut, liebe Paula, daß ich Dir gar nicht sagen kann, wie sehr. Da ist etwas ganz Großes, Reifes und Eigenartiges, eine so schöne, ruhige Geschlossenheit, und alles so voll innerer Wahrheit.“

Brief ihrer Freundin Clara Westhoff aus „Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern“.

In ihren Stillleben mit einfachen Gegenständen, Blumen oder Früchten fand sie eine ähnliche Würde wie in den Menschen. Ihre Linien sind klar, die Farben oft erdig und gedeckt, manchmal aber auch von leuchtender Intensität.

Es ging ihr nie um das Äußere, sondern um das innere Wesen, um die Seele der Dinge und Menschen. In dieser Konzentration auf das Essenzielle, Jahrzehnte bevor es zur allgemeinen Kunstsprache wurde, lag die umwälzende Kraft ihrer Kunst.

Ein Schaffen für „Das Werden“

Für Paula Modersohn-Becker war das künstlerische Schaffen kein Beruf, sondern eine Lebensnotwendigkeit, ein innerer Zwang, der stärker war als alle äußeren Widerstände.

In ihrem Tagebuch notierte sie immer wieder das Wort „Das Werden“.

„Ich werde etwas, ich werde.“
(Brief an Otto Modersohn, 1902)

Es war ihr zentraler Begriff für den schöpferischen Prozess, aber auch für ihr inneres Wachstum. Malen war für sie aktives „Werden“ – ein ständiges Sich-Entwickeln, Lernen und Vorwärtsdringen.

Jedes neue Bild war ein Schritt auf diesem Weg, eine Antwort auf eine innere Frage. Die fehlende äußere Anerkennung konnte ihren inneren, treibenden Motor nicht stoppen. Vielmehr verstärkte die Enge ihrer Lebensumstände den Drang, in der Kunst einen grenzenlosen Raum der Freiheit und Selbstverwirklichung zu finden.

Paula Modershon-Becker malte, um zu existieren, um sich zu behaupten und um eine tiefere Wahrheit zu erfassen, die sie in der sichtbaren Welt spürte.

Geburt und Tod

Paula’s Tod war tragisch. Nach Jahren des Ringens um künstlerische Autonomie brachte sie im November 1907 endlich ihre lang ersehnte Tochter, Mathilde, zur Welt.

Nur 18 Tage später, am 20. November 1907, starb Paula Modersohn-Becker mit 31 Jahren an einer Embolie, als sie nach langer Bettruhe, das erste Mal wieder aufrecht, die neugeborene Mathilde auf dem Arm in der Wohnstube trug und nieder sank.

Ihre letzten Worte werden traditionell überliefert als „Wie schade …!“ – ein Ausdruck bitteren Bedauerns über das Leben, das sie nicht mehr führen konnte, das Kind, das sie nicht aufwachsen würde sehen.

Ihr Tod raubte der Kunstwelt eine ihrer mutigsten Stimmen an der Schwelle zur Moderne.

Ein schicksalbehaftetes Vermächtnis

Heute gilt Paula Modersohn-Becker als eine der wichtigsten Wegbereiterinnen der modernen Kunst in Deutschland. Ihr Werk steht gleichberechtigt neben dem der großen Expressionisten, die nur wenige Jahre nach ihr hervortraten.

Ihre kraftvolle Reduktion der Form, ihre direkte und würdevolle Darstellung des Menschlichen und ihr kompromissloser Blick auf das Wesentliche beeinflussten Generationen nach ihr.

Museen auf der ganzen Welt zeigen heute ihre Bilder.

Ihr Vermächtnis ist jedoch mehr als ein kunsthistorisches. Sie ist eine Symbolfigur für unbeirrbare künstlerische Integrität und für den Mut, gegen alle Konventionen und Widerstände der eigenen inneren Stimme zu folgen.

„Ich denke an Ihr Arbeiten und an das, was Sie Ihr ‚Werden‘ nennen, mit großer Bewunderung und Freude. Das ist es.“

Rainer Maria Rilke in einem Brief an Paula aus „Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern“.

Nach ihrem Tod setzte Rainer Maria Rilke mit seinem Gedicht „Requiem für eine Freundin“, Paula ein literarisches Denkmal, in dem er ihre einsame Pionierleistung würdigte: „Du selbst, Du gingst noch weiter, voran / in ein Gelingen…“

Paula Modersohn-Becker (1876–1907)

Quellen

Wikipedia: Paula Modersohn-Becker** – Biografie, Daten, Zitate (Otto, Ausstellungen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Paula_Modersohn-Becker

Frankfurter Hefte: „Wenn ich erst malen kann!“ (1999)** – Trauma, Otto-Zitat, Kritik
https://www.frankfurter-hefte.de/artikel/wenn-ich-erst-malen-kann-3314/

Museen Böttcherstraße: Arthur Fitger vs. Paula** – 1899-Kritik
https://www.museen-boettcherstrasse.de/kunst-erleben/fuehrungen-und-veranstaltungen/arthur-fitger-versus-paula-becker/

Projekt Gutenberg: Briefe und Tagebuchblätter** – Zitate („Wenn ich erst malen kann!“)
https://www.projekt-gutenberg.org/modersoh/briefe/chap010.html

PMB-Stiftung: Biographie** – Clara-Zitat
https://www.pmb-stiftung.de/biographie.html

NDR/Artikel zu Tod** – Geburt/Tod-Details https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Paula-Modersohn-Becker-Kurze-Schaffenszeit-grosse-Wirkung,modersohnbecker104.html.

Primärquellen (Zitate, Briefe):
Briefe und Tagebuchblätter (Günter Busch/Liselotte von Reinken, Insel 1979) – Volltext bei Projekt Gutenberg https://www.projekt-gutenberg.org/modersoh/briefe/index.html.

Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke (Suhrkamp 2021)
https://www.suhrkamp.de/buch/briefwechsel-t-9783458192428.

Sekundärliteratur (Biografien):
Barbara Beuys: Paula Modersohn-Becker (Insel 2021)
Uwe M. Schneede: Paula Modersohn-Becker (Hirmer 2022) – Kunstanalyse.
Paula Modersohn-Becker. Ein Buch der Freundschaft (Rolf Hetsch, 1932) – Clara-Zitate.

Ausstellungs-Kataloge/Museen:
Kunsthalle Bremen: Paula Modersohn-Becker (2019) – Ausstellungsmaterial https://onlinekatalog.kunsthalle-bremen.de/kuenstler/42.

Paula Modersohn-Becker Museum (Bremen)
https://www.museen-boettcherstrasse.de/museen/paula-modersohn-becker-museum/.

Worpsweder Museen
https://www.worpswede-museen.de/kolonie-kuenstler/paula-modersohn-becker.html

Bilder/Archiv:
Wikimedia Commons: 100+ PD-Bilder
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Paula_Modersohn-Becker

Google Arts & Culture: Paula-Sammlung
https://artsandculture.google.com/story/paula-modersohn-becker-kunsthalle-bremen/bgWBairRWHB0KQ